Paolo Veronese:
Das Paradies, um 1580, Öl auf Leinwand 87 x 234 cm ,
Musée des Beaux-Arts, Lille |
Jacopo
Tintoretto: Das Paradies, um 1565, Öl auf Leinwand, 143 x 362
cm, Musée du Louvre, Paris |
| HANS
PRAETTERHOFFER PARADIESPARAPHRASEN Der
neue
Zyklus der panoramaformatigen "Paradiesparaphrasen", die derzeit
im Atelier entstehen, alternierend mit schmalhochformatigen Aszensionen
und Deszensionen - angedeuteten Himmelfahrten und
Höllenstürzen, geht von einem Vorbild aus, das selbst
ein Vorbild für das ehrgeizigste Bild-Projekt der
italienischen Renaissance war, die Darstellung des Paradieses auf der
zweiundzwanzig Meter breiten Stirnwand der Sala del Maggior
Consiglio im Dogenpalast in Venedig. Das zweieindrittel Meter messende
und ausschließlich in warmen Braun- und Gelbtönen
gehaltene "modello" des Paolo Veronese war Anlass zu eigenen
Paraphrasenexperimenten in etwas oder wesentlich kleineren
Panoramaformaten und ähnlicher Warmbraunfarbigkeit.
Während des Malvorganges erschien mir im Hinterkopf auch das
andere "modello" von Veroneses ernsthaftestem Konkurrenten Jacopo
Tintoretto, das drei Meter sechzig breite "Paradies" im Pariser Louvre,
das dort vis-a-vis
von Leonardos "Mona Lisa" hängt und wo täglich
tausende Touristen die Einhundertachtziggraddrehung versäumen,
die es ihnen ermöglichen würde, das tausendmal
bedeutendere Paradiesmodello Tintorettos in Augenschein zu nehmen.
Veronese bekam den Auftrag für die große Wand,
verstarb aber unbegonnen, sodass dem Tintoretto die große
Aufgabe zufiel, der sie unter meines Erachtens viel zu hoher
Werkstattbeteiligung ausführte. Nein, dieses
"größte Ölbild der Welt" gibt
mir in
wesentlich geringerem Maß eine Vorstellung vom Paradies, als
die
"modelli" der beiden Renaissancekünstler. Die
höchst heutig wirkende Skizzenhaftigkeit der Version
Veroneses, ermutigte mich zu den "Paradiesparaphrasen", weit mehr als
der hohe Ausführungsgrad Tintorettos, der im übrigen,
für seine unerhört vielen übrigen Bilder von
seinen Zeitgenossen als zu skizzenhaft malend geschmäht wurde.
Trotzdem war und ist es schön, beim Malen Tintorettos Pariser
"Paradies" in der Vorstellung aufblitzen zu lassen. "Eine Leichtigkeit
von Pinsel, ein Geist, ein Reichtum im Ausdruck, den zu bewundern und
dessen sich zu freuen man das Stück selbst besitzen
müsste" sagte Goethe über dieses Leinwandbild.
Vielleicht hat mich malenden Künstler auch gereizt, die
Nachschaffung der Wolkenbögen, die die Gliederung in immer
höhere Paradiesetagen beider Vor-Bilder ausmachen, unter
Zuhilfenahme ausgespannter Körperradien mit dem durch die
langstieligen Pinsel verlängerten Arm zu ziehen, was ich ja
jahrelang beim Zeichnen meiner räumlichen
Lichtlinienziehungen, sprich Lichtzeichnungen trainierte (engl.: to
draw = ziehen, zeichnen).
Mit Händen und Füssen hatte ich da in die Luft
gezeichnet von unverschlossenen Fotokameraverschlüssen
beobachtet. Mit Füssen eigentlich nie, höchstenfalls
indirekt, sehr wohl aber mit beiden Händen. Als (geborener?)
Linkshänder, der mit acht Jahren (freiwillig!) zum Schreiben
auf die rechte Hand wechselte, wohl um die linke Lieblingshand nicht
durch ABC-Übungen
und Schulaufsätze zu beschädigen, bin ich beim Malen
längst Beidhänder, selten gleichzeitig, oft oder
immer abwechselnd. Dass die überkreuz zuständigen
Gehirnhälften mir eine verschiedene Sicht einspiegeln, je
nachdem, welche Hand sich gerade um "Leichtigkeit des Pinsels"
bemüht, kommt mir beim Malen zugute. So dominiert
linkszeichnend das in der rechten Gehirnhälfte angesiedelte
räumliche Vorstellungsvermögen, während
rechtsmalend Zusammenfassungsbefähigung und
Farbausdruckskraft in der linken Gehirnhälfte, eng an das
verbale Denken geschmiegt, hausen.
Die anderen Bilder der Ausstellung, ungefähr gleichzeitig mit
den "Paradiesparaphrasen" oder in den unmittelbar
zurückliegenden Jahrtausendwendejahren entstanden, haben die
gleiche Absicht zum Thema, nämlich imaginäre
Elementarformationen, unter- und überirdische Landschaften in
einer Weise darzustellen, die dem Betrachter verschiedenste Sichtweisen
einräumt. Ein und dasselbe Gemälde soll je nach
Jahres- und Tageszeit, je nach Lichtstimmung oder Stimmung des
Beschauers verschieden interpretierbar sein. Meine Bilder
möchte ich nicht als statisch begriffen wissen, sondern als
höchst veränderlich, wogend und werdend, permanent
neue Assoziationsmöglichkeiten anbietend, Gemüts- und
andere Zustände spiegelnd, nur dann Pausieren des Pulsierens,
Verharren in Starre, wenn zufällig gerade niemand hinsieht.
Hans Prätterhoffer,
Juni 2002
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